Seekonzert 2015 – aus den Augen eines Musikers

Freitag, 21.08.2015 – Die letzte Probe –

Die letzten Vorbereitungen laufen für das diesjährige Seekonzert. Wir haben echt Schwein mit dem Gelände. Eigentlich ist es nur ein Baggersee, also nur eine Wasserpfütze aber mittlerweile mit 230.000 m² Wasserfläche. Und nur einmal im Jahr für die Öffentlichkeit geöffnet. Es schleichen sich in den Sommermonaten zwar immer wieder sonnenhungrige Badende an den See. Allerdings werden diese kategorisch von der Werkssicherheit des Geländes verwiesen.
Wir dürfen, wie gesagt, einmal im Jahr an den See. Zwar nicht zum Baden, sondern zum Musizieren. Der kommende Samstag wird es nun sein. Wetteraussichten topp, der Kartenvorverkauf läuft, Essen und Trinken ist organisiert, sogar das Toilettenhäuschen steht schon und, das ist das Wichtigste , Sänger und Musiker sind hoch motiviert.
Nun stehen wir also an diesem Freitag am See und warten auf die letzte Probe. Die Stimmung ist freudig angespannt. Denn alles ist anders. Überall stehen Mikrophone und meistens da, wo einer der Musiker oder Sänger seinen Platz wähnt. Der Untergrund schwankt, denn wir stehen auf einer Schwimmbühne und die wiegt sich leicht auf den Wellen des Sees. Der Wind schlägt gegen das Bühnendach und gibt seinen eigenen Rhythmus dazu. Die Beleuchtung blendet mich, so kann ich in keinem Fall spielen. Immer wieder wuseln Techniker zwischen den Akteuren herum und verstellen dieses und richten jenes. Und dann diese erwartungsvolle Spannung, 100 Menschen auf 125 m² Bühnenfläche erwarten unruhig die kommenden drei Stunden der Generalprobe.
Vieles ist anders als bei den Proben in unserer Musikscheune. Wir sind OpenAir und hören die Mitspieler anders. Auch darauf muss man sich nach und nach erst einstellen.
Wir haben in einzelnen Registern Unterstützung von Musikern aus anderen Vereinen oder von Profis. Da ist zum Beispiel die Christel bei den Klarinetten. Sie ist eine gute Bekannte unseres Dirigenten und eine, die es richtig drauf hat. Im feinsten Allgäuer Dialekt begrüßt sie ihre Kolleginnen und packt in freudiger Erwartung ihr Instrument aus.
Und da ist der Fritze, zwar ist er spät aber das nehmen wir gern in Kauf, denn er ist ein absoluter Profi am Streichbass und an der Bassgitarre. Fritze ist eigentlich bei allen großen Konzert-Ereignissen des Musikvereins, sei es das Opernprojekt oder die Seekonzerte der letzten Jahre, mit dabei. Wie sagt Klaus Wowereit: „… und das ist gut so!“. So ein topp-vorbereiteter Profi bringt schon Routine und Sicherheit in das Orchester.
Spannend wird es auch für den Chor. 60 Sängerinnen und Sänger im Alter von 30 bis 77 Jahren. Vor einem dreiviertel Jahr haben sich diese Sänger aus vier Chören, nämlich dem kath. Kirchenchor Holdorf, dem evang. Singkreis Fladderlohausen, der Frauenschola Langenberg und dem Männergesangverein, getroffen und stetig an Text, Artikulation und Rhythmus gearbeitet. Aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls muss der Chor jetzt zeigen, dass die Vorbereitung sich gelohnt hat.
Hochkonzentriert wird das erste Lied angestimmt. Und – sie können es. Klang und Zusammenspiel mit Orchester und Dirigent passen. Erstes Gänsehaut-Feeling kommt auf. Sowohl Sänger und auch Orchester haben das Gefühl, alles richtig gemacht zu haben und die Kombination aus „Winds and Voices“, also Blasmusiker und Chorstimmen ist, für dieses Konzert, genau richtig. – Eine schöne Erfahrung.
Gegen 20:00 Uhr steigt die Erwartung noch mal. Unser Tenor, Michael Pegher, erscheint auf der Bühne. Als Mitglied der Oper in Mainz und Wiesbaden wurde er für einige Solo-Parts engagiert. Natürlich ist er in Eile, er hat noch einen weiteren Termin in Oldenburg und somit wird sein Gig vorgezogen. “O sole mio“ oder, „La donna e mobilé“ sind seine brillanten Solo-Partien und er kann es wirklich. Das ist schon ein Genuss. Da weiß man als Musiker sofort, warum man die ganzen Mühen des Übens und Probens auf sich nimmt. Dafür gibt es dann auch direkt Szenen-Applaus.
Gegen 23:00 Uhr geht eine bewegende Generalprobe zu Ende. Musiker und Sänger gehen zufrieden nach Hause. Das Gelände kommt nach und nach zur Ruhe. Die Lampen werden ausgeschaltet. Seebühne und Zuschauerbereich fallen in einen nächtlichen Schlaf.
Jetzt ist nur noch die Wache präsent und genießt den leichten Luftzug, der vom See kommend über das Ufer streicht. Der Tag des großen Konzertes kann kommen.
gez. NgS

 

Samstag, 22.08.2015 – Der Tag des Konzerts.

Mein Tag beginnt morgens um sechs. Frühstück machen für die Wache. Wir haben einiges an Deko und Technik aufgebaut und da wäre es schon dramatisch, wenn unvernünftige Randalierer oder kleine Diebe das eine oder andere zerstören oder stehlen würden. So sind Linus und Felix die ganze Nacht vor Ort, um ein Auge auf die Anlage zu haben.
Arg übermüdet sehen die beiden aus. Doch haben sie eine positive Meldung. Außer Enten, Rallen und Kaninchen keine anderen Lebewesen gesehen. Das ist gut. Jetzt gilt für die Beiden, erst mal ausgiebig gefrühstückt und dann noch bis 8:00 Uhr durchhalten, danach ab ins Bett. Schließlich gibt es abends auch noch Aufgaben zu tun.
Um elf sind dann unsere Moderatoren bei mir. Theresa wird in das Stück Huckleberry Finn als Erzählerin eingebunden sein. Die Generalprobe war noch nicht optimal und jetzt heißt es, ihr Potential rauszukratzen. Sie kann es, ich weiß sie kann es und die Extraprobe zeigt auch, sie kann es.
Hendrik wird in diesem Jahr co-moderieren. Letzte Absprachen und Kostümprobe runden den Vormittag ab.
Um 15:00 Uhr meldet sich der Feuerwerker. Er will aufbauen. Das Konzert soll auch in diesem Jahr einen würdigen Abschluss finden. Jens Grannemann hat zugesagt, dass er ein brillantes Höhenfeuerwerk zusammenstellt und die Vorbereitungen müssen entsprechend getroffen werden. Vier gestandene Feuerwerker machen sich an die Vorbereitung.
16:00 Uhr – Instrument aufbauen und Gespräch mit den Feuerwerkern führen. Passt die Windrichtung, wie koordinieren wir Anfang und Ende des Feuerwerks, gibt es noch Veränderungen im Programm, wie kommunizieren wir für eventuelle Änderungen. Das braucht seine Zeit und schnell ist es 17:00 Uhr durch.
Nur noch wenig Zeit für eine schnelle Dusche. Ab in die Klamotten, um 18:00 Uhr ist schon Treffen am See.
Wenn man selbst im Orchester mitspielen will, braucht man eigentlich die nächste halbe Stunde um ein wenig runter zu kommen und sich auf seinen Part einzustellen. Das klappt heute nicht. Der Künstler Thommes Nentwig hat noch Fragen. Er will am Abend sein Projekt „EveryDayArt.de“, Kunstprojekte für und mit schwer erkrankten Kindern, vorstellen und Glückskobolde verkaufen. Dazu muss noch ein Werbeblock in die Moderation eingeschoben werden. Dazu kommen noch Gespräche mit dem Caterer und dem Wirt.
Es ist zwar erst 18:00 Uhr, der Einlass beginnt um 19:30 Uhr, und dennoch gibt es am Eingangstor schon kleine Probleme mit Fahrzeugen und deren Parkplätze. Es gibt doch immer wieder Fahrzeuge mit ihren Fahrern, die sich ihre eigenen Regeln machen oder sich nicht an Regeln halten wollen. Was soll’s, soll ich mich über die Ignoranz der Anderen aufregen, da gibt es Wichtigeres.
Zum Glück kommen zeitgleich unsere Kassenleute Peter und Volker. Bis die Feuerwehr eintrifft übernehmen sie den Job.
Übrigens darf man die Unterstützung von Feuerwehr, DRK und DLRG nicht unterschätzen. Ohne diese Unterstützung wären wir bei diesem OpenAir-Event total aufgeschmissen. Sei es die Verkehrsregelung, das Freihalten von Rettungswegen, die Betreuung von Behinderten, die Hilfe in Notfällen, die Absicherung beim Feuerwerk. – „ Jungs und Mädels – vielen Dank, ohne euch wären wir schlichtweg aufgeschmissen“.
Das Gute ist mittlerweile, jeder kennt seinen Job. Dadurch entspannt sich der Ablauf sehr.
Das Orchester spielt sich ein und die ersten Zuhörer reservieren sich bereits die Sitzplätze. Es kann losgehen.
gez. NGS

 

Samstag, 22.08.2015 – 19:00 bis 21:00 Uhr.

Ich höre sie und wäre so gern mit dabei. Doch Zeit für das Einspiel bleibt nicht. Der Tontechniker wartet auf mich für die Verkabelung und eine Sprechprobe. Dabei ist es schnell möglich, einige kleine Absprachen mit Theresa und Hendrik zu machen. Die Stimmung ist gut. Wir drei freuen uns darauf, endlich loslegen zu können. Haben wir noch was vergessen, weiß nicht, schauen wir mal. Klar soll der Auftritt von Theresa eine Überraschung für das Publikum sein, also muss noch abgesprochen werden, wann und wo sie sich umzieht. Dazu müssen diesmal die Toiletten herhalten.
Um halb acht möchte unser Fotograf, Heinrich Vollmer, alle Performer zu einem Fototermin zusammen haben, die zwei Minuten gönnt man sich, dann wartet Maik schon mit Fragen zur Kasse. Letzte Absprachen mit dem DRK und dem DLRG und danach SmallTalk mit Besuchern und vor allem den anwesenden Sponsoren.
Mittlerweile lässt sich solch ein Konzert ohne Sponsoren nicht mehr bewerkstelligen. Zum Glück gibt es in Holdorf verständige Leute, die einen Sinn für Kultur haben und die bereit sind, dieses Konzert mit größeren Beträgen zu unterstützen. Wir sind dankbar und da ist es selbstverständlich, diesen Dank auch im Gespräch auszudrücken. – Ich kann es gar nicht laut genug sagen: „Liebe Unternehmer und private Unterstützer, wir sagen Ihnen vielen, vielen Dank!“
Die Stühle werden knapp. Das gute Wetter und die entsprechende Werbung in der örtlichen Presse aber auch im Radio bescheren uns einen guten Zulauf an diesem Abend. Nachdem es im letzten Jahr lausig kalt und regnerisch war, haben wir in diesem Jahr genau das Wetter, das wir für ein OpenAir-Konzert am See benötigen.
Jetzt ist auch der Redakteur von NORDSEHEN.TV vor Ort. Er plant wieder einen 3 Minuten Nachrichten-Clip für die Homepage der Gemeinde Holdorf und will das Konzert begleiten. Gut so. Schön wäre ein Interview. Diesmal soll es mit unserem Tenor, Michael Pegher, sein. Michael ist engagiert an der Oper in Mainz und Wiesbaden und ein echter Glücksfall für unser Orchester. Der Kontakt hat sich bei einem Opern-Projekt in Minden ergeben. Mittlerweile haben wir mit ihm ‚La Traviata‘ aufgeführt und können ihn beim Seekonzert hören. Er ist absolut professionell und die Zusammenarbeit mit ihm ist ein Genuss für das ganze Orchester. Das Interview ist in der Pause geplant, somit haben wir noch ein wenig Zeit.
Allmählich drängt die Zeit. Es geht auf 21:00 Uhr zu. Der Adrenalin-Spiegel steigt. In diese Konzentrationsphase meldet sich eine Anwohnerin. Ein Falschparker ist noch auszurufen. Auch das machen wir noch. Doch jetzt kann es losgehen. „Bitte begrüßen Sie mit mir die Sänger des Projektchors und den Musikverein Holdorf!“ – Das Konzert kann beginnen.
gez. NGS